Montag, 30. Juni 2008

Fundamentale Motive - Verhaltensforschung -

Die sechzehn fundamentalen Motive nach Prof. Dr. Steven Reiss

Steven Reiss ist ein vielfach ausgezeichneter Professor für Psychologie und
Psychiatrie an der Ohio State University.

Er begann seine umfangreiche empirische Arbeit über die Motive menschlichen Verhaltens
Mitte der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Er selbst sieht sich in der Tradition von
William James, William McDougall und Abraham Maslow. An Maslow kritisiert er jedoch die mangelnde empirische Fundierung seiner Theorie sowie das Postulat einer für alle
Menschen gültigen Motivhierarchie. Nach Reiss gibt es jedoch keine universelle, für alle
Menschen verbindliche Motivhierarchie; vielmehr weist jeder Mensch ein ganz einzigartiges
Profil von Motivausprägungen auf.

Reiss versuchte, i.S. eines eigenschaftstheoretischen Ansatzes die Frage zu beantworten,
welche fundamentalen menschlichen Motive sich unterscheiden lassen.

Er trennt zunächst zwischen zwei Kategorien: den Mitteln und den (End-)Zielen (diese Unterscheidung geht auf Aristoteles zurück).

Mittel sind Dinge, die wir tun, weil sie Zwischenschritte auf dem Weg zu einem Endziel sind;
das Mittel hat also "instrumentellen" oder "extrinsischen" Wert.

Ein Endziel ist das Ziel, weswegen eine Handlung letzten Endes ausgeführt wird; die jeweilige Handlung wird also um ihrer selbst willen ausgeführt, nicht als Mittel, ein anderes Ziel zu erreichen.

Beispiel: Jemand spielt Fußball, weil es ihm Spaß macht (Endziel); dagegen spielen z.B. auch viele der Profifußballer Fußball, um Geld zu verdienen, um berühmt zu werden usw. (Mittel).

Reiss möchte diejenigen menschlichen Motive erfassen, die als Endziele fungieren können,
d.h. Zwecke sind, die sich selbst genügen.

Er definiert fundamentales Motiv als ein universelles Endziel, das für psychologisch
bedeutsames Verhalten verantwortlich ist.

Die Verhaltensweise "trinken" ist beispielsweise zwar biologisch bedeutsam, nicht aber universell psychologisch relevant: Verhalten, das durch Durst motiviert ist, zeigt nur wenig
Variation, und Alkoholprobleme können nicht durch "Durst" erklärt werden; dagegen ist
Hunger für viele Verhaltensweisen verantwortlich:

Fast alle Kulturen haben Regeln für die Zubereitung und den Verzehr von Nahrung; und zu schwacher bzw. zu starker Hunger ist involviert bei Essstörungen (z.B. Magersucht oder Übergewicht). Ein weiteres Beispiel ist (nach Reiss) der sog. "Überlebenswille":

Ein solches Motiv ist zwar biologisch höchst relevant, aber nicht so sehr psychologisch, da nur wenig Bedeutungsvolles direkt dadurch erklärt werden könnte; ein Nachlassen des "Überlebenswillens" würde sich nach Reiss in einer nachlassenden Motivstärke einer oder mehrerer der von ihm postulierten sechzehn Grundmotive zeigen (z.B. im Nachlassen der Motivstärke zu essen).

Mit universell ist gemeint, dass jedes der sechzehn Grundmotive fast jeden Menschen motiviert, allerdings nicht jeden Menschen in gleichem Maße bzw. auf gleiche Art und Weise.

In Anlehnung an W. James und W. McDougall vertritt Reiss einen neuen evolutionären und wissenschaftlich abgesicherten Standpunkt:

Unsere Grundbedürfnisse sind universell, weil sie genetisch determiniert sind; diese Motive
haben eine instinktive Basis, d.h. wir teilen sie mit unserem nächsten Verwandten im Tierreich, was bedeutet, dass sie einen evolutionären Wert haben: Sie begünstigen Verhaltensweisen, die zu einer höheren "Fitness" führen.

Am Ende seiner jahrelangen empirischen Forschung hat Reiss einen Fragebogen zur
Diagnose der 16 individuellen Motive anhand von 128 Aussagen (Items) vorgelegt ("Reiss
Profile of 16 Fundamental Motives"). Dabei stützt sich Reiss (2000) auf faktorenanalytische
Untersuchungen an über 20.000 Personen.

Diese sechzehn Grundmotive einzeln und in den unterschiedlichsten Kombinationen zueinander bestimmen unser individuelles Verhalten intrinsisch, d.h. sie auszuleben ist
schon ihr Zweck.

Natürlich kann jedes einzelne dieser Lebensmotive (bzw. die entsprechende Handlung) auch Mittel sein, um andere Werte und Interessen zu erfüllen bzw. Ziele zu erreichen, z.B. Sexualität im Dienste der Macht, oder Loyalität im Dienste von Status usw.

Neues Buch von Prof. Steven Reiss, 2008: The Normal Personality


Quelle: Prof. Dr. Steven Reiss, Prof. Dr. U. Mees

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